Seit seinen Anfängen in den1940er Jahren, als Ingvar Kamprad das Unternehmen in Schweden gründete, mauserte sich IKEA vom kleinen Einzelhandelsunternehmen zum heute weltweit größten Möbelriesen mit rund 300 Einrichtungshäusern und über 130.000 Angestellten in 35 Ländern. Ein Großteil seines Wachstums gründet sich dabei auf das Möbelangebot zu erschwinglichen Preisen für Millionen von Kunden in der ganzen Welt. Unternehmensangaben zufolge besuchten allein im vergangenen Jahr nahezu 700 Millionen Menschen eines der zahlreichen IKEA-Möbelhäuser weltweit.
Weitaus weniger bekannt ist wohl die Tatsache, dass IKEA auch über ein bedeutendes Möbelfertigungsunternehmen verfügt, das unter dem Namen Swedwood tätig ist und in den frühen 1990er Jahren gegründet wurde. Dieses Unternehmen hat nur einen Kunden – eben IKEA - und versorgt ihn mit holzbasierten Möbelprodukten aller Art. Swedwood wuchs außergewöhnlich schnell und stellt gleichsam einen Spiegel seiner Muttergesellschaft IKEA dar. Derzeit unterhält das Unternehmen mehr als 50 Produktionsstätten und Verwaltungen in zwölf Ländern und beschäftigt rund 15.000 Menschen. Somit ist es wohl eines der größten Möbelhersteller der Welt.
Bereits seit seiner Gründung zeigte sich klar und deutlich, dass dem IKEA-Konzern sehr daran gelegen ist, seine Unternehmenspolitik in Bezug auf soziale und umweltrelevante Themen zu verbessern. Bisweilen geschah dies durch äußeren Druck, manches Mal jedoch vielleicht auch auf Grundlage der Unternehmensphilosophie. Mit zunehmender Größe wuchs auch die Verantwortung. So unterhält das Unternehmen jetzt eine ganze Reihe beeindruckender Kooperationsfelder – etwa mit dem WWF im Umweltbereich oder der UNICEF im Kampf gegen Kinderarbeit. Im Rahmen dieser Initiativen ging IKEA auch eine umfassende Vereinbarung mit der BHI ein. Die gesamte Unternehmensgruppe zeigte damit, dass es ihre Verpflichtungen als Konzern durchaus ernst nahm. So wurde (und wird) mit dem so genannten IWAY-Verhaltenskodex eigens eine umfassende Leitlinie für die eigene Produktion wie auch für die Zulieferbetriebe (von denen Swedwood das größte Unternehmen ist) ausgearbeitet. Dieser umfasst unter anderem auch das Recht der Arbeitnehmer, sich frei – und ohne Einmischung - zu organisieren und Tarifverhandlungen zu führen – Rechte, die die Eckpfeiler der Versammlungsfreiheit darstellen. Dabei handelt es sich um äußerst wichtige Themenfelder. Dennoch erscheinen sie auf der Liste der Inspekteure, die die Arbeitsbedingungen bei den vielen Tausend IKEA-Zulieferern weltweit überprüfen, im Allgemeinen erst an unterster Stelle.
Infolge der Mitwirkung der BHI sowie der gemeinsam ins Leben gerufenen Überwachungsinstanz unternahmen IKEA und seine Zulieferbetriebe positive Schritte, sobald Fehler und Missbräuche ans Tageslicht kamen. Dies war bislang stets die Erfahrung der BHI im Rahmen der Bewertung einiger Zulieferbetriebe in Europa und Asien. Sobald Missstände aufgedeckt wurden, wurde wiederholt korrigierend eingegriffen, was zu einer besseren Kommunikation zwischen den Gewerkschaften und ihrer Mitglieder sowie dem Unternehmen führte und sich für alle Beteiligten positiv auswirkte.
So ermöglichte der Dialog zwischen der BHI und dem Unternehmen einen klaren Meinungsaustausch. Doch auch wenn unterschiedliche Auffassungen bestanden, war der Dialog von gegenseitigem Respekt getragen. In letzter Zeit war jedoch diesbezüglich ein Wandel zu beobachten und wir stellen uns die Frage, ob IKEA derzeit nicht wichtige Themenfelder aus dem Auge verliert.
Im Jahr 2008 erfuhr die BHI, dass Swedwood im Rahmen seiner kühnen Expansionspläne dabei war, ein Fertigungsunternehmen in den USA aufzubauen. Wir begrüßten diesen Schritt – zog er doch eine bedeutende Investition und qualitativ hochwertige Arbeitsplätze für die Region um Danville im US-Bundesstaat Virginia nach sich, die stark unter der Schließung der Unternehmen der Textil- und Tabakindustrie zu leiden hatte. Wir wollten sicherstellen, dass die dortigen Arbeitnehmer von den Rechten Gebrauch machen konnten, die im BHI-Abkommen mit IKEA verankert worden waren. Als bedeutenden Schritt in diese Richtung war es wichtig, dass eine lokale Gewerkschaft – die Internationale Vereinigung der Beschäftigten der Luft- und Raumfahrtindustrie und des Maschinenbaus – Zugang zu dem Betrieb bekäme, um die Arbeitnehmer über die Vorzüge einer Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft zu informieren. Wir hegten die Hoffnung, dass das IKEA-Kooperationsmodell die Chance böte, einen neuen Ansatz in die Beziehungen der Tarifparteien bei Swedwood zu bringen, eine positive Zusammenarbeit mit der Unternehmensleitung aufzubauen und so gerade in den USA einen Beweis für einen anderen, neuen Ansatz erbringen würde.
Trotz aller Bemühungen zur Änderung der bestehenden Situation seitens der BHI sowie ihrer schwedischen Mitgliedsgewerkschaft GS, sind unsere Anstrengungen zur Förderungen des Dialogs vor Ort ins Stocken geraten. Die US-Gewerkschaft sah sich gezwungen, auf traditionelle Methoden zurückzugreifen und geheime Treffen mit den Beschäftigten zu veranstalten. Darüber hinaus reiste ein schwedischer Gewerkschaftsjournalist vor kurzem in die Region, um mit den Arbeitnehmern zu sprechen – diese waren jedoch erst dazu bereit, nachdem ihnen die Wahrung ihrer Anonymität zugesichert worden war. Die ihm gegenüber gemachten Schilderungen waren mehr als besorgniserregend: Berichtet wird von Personalführung durch Befehlserteilung - von nordischer Tradition der gegenseitigen Achtung keine Spur!
Den ausführlichen Bericht des Journalisten können Sie über folgenden Link einsehen. Hierbei handelt es sich nicht um reißerisch aufbereitete Geschichten, sondern um Erlebnisberichte der Angestellten des Unternehmens, die sich oftmals nicht trauen, ihre Meinung offen kundzutun – aus Angst, in einer Region, die wenige Beschäftigungsalternativen bietet, ihren Arbeitsplatz zu verlieren.
Bei der Betrachtung der Haltung des Unternehmens gegenüber seinen Angestellten und einer Gewerkschaft müssen wir bedauerlicherweise feststellen, dass IKEA vor diesen Themenfeldern offensichtlich mehr und mehr die Augen verschließt. In letzter Zeit mussten wir erhebliche Abweichungen im Umgang mit Arbeitnehmern und Gewerkschaften im Zuge der Reduzierung der Fertigungstätigkeiten in Europa feststellen, die in einem Fall ein rasches Eingreifen der Geschäftsleitung in Schweden zur Korrektur des Fehlverhaltens erforderlich machten. In Frankreich fand kürzlich eine Reihe von Streiks im IKEA-Einzelhandel statt. All dies sind beunruhigende Anzeichen von Seiten des Möbelgiganten, die sich zu einem Trend entwickeln könnten, sofern nicht von Geschäftsleitungsebene korrigierende Maßnahmen eingeleitet werden.
Nun, da der IKEA-Konzern ein neues Geschäftsleitungs-Team an seiner Spitze hat, ist es an der Zeit, die Personalpolitik des Konzerns zu überdenken. Das Unternehmen hat in der Vergangenheit oftmals ein wenig mehr getan, als gesetzlich notwendig gewesen wäre. So verkündete es beispielsweise, mehr und mehr Holz mit zertifiziertem Ursprung zu verwenden – hierbei handelte es sich um eine aktive Entscheidung des Unternehmens. Diese wurde nicht nur aus moralischen, ökologisch und sozial motivierten Beweggründen getroffen, sondern auch deshalb, weil es unternehmerisch einen durchaus sinnvollen Schritt darstellt. Dies zeigt klar und deutlich, dass dem Unternehmen die Umwelt am Herzen liegt. Nun ist es an der Zeit, einen weiteren kleinen, jedoch bedeutenden Schritt über die rein gesetzliche Verpflichtung hinaus zu unternehmen und einen ernsthaften Dialog mit den Arbeitnehmern aufzunehmen, damit diese nicht länger mit der Angst des Arbeitsplatzverlustes leben müssen, weil sie die gleichen Freiheiten wie ihre Kollegen in Ländern wie Schweden genießen wollen und die aktive Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft anstreben.
Für IKEA ist es an der Zeit, soziale Belange wieder ins Zentrum zu stellen – nicht, weil das Unternehmen von Gesetzes wegen dazu verpflichtet ist, sondern weil es unter moralischen wie unternehmerischen Aspekten einen sinnvollen Schritt darstellt. Sollte das Unternehmen diesen kleinen, aber bedeutenden Schritt nicht unternehmen, wie es seinerzeit den wichtigen Schritt eingeleitet hat, das Abkommen mit uns und unseren weltweiten Mitgliedsgewerkschaften zu unterzeichnen, befürchtet die BHI, ihre ebenfalls im Abkommen vereinbarte Verpflichtung einer Neubewertung unterziehen zu müssen. Die Unterzeichnung dieses Abkommens stellte für das Unternehmen seinerzeit einen mutigen Schritt dar. Nun müssen wir einen weiteren mutigen Schritt unternehmen und einen Dialog mit der Gewerkschaft in Danville aufnehmen. Dieser würde zu ihrer Anerkennung als Tarifpartner führen und den Weg für einen Ansatz ebnen, der beiden Seiten einen harmonischen Fortschritt ermöglicht.