Interview mit Secil Coban von der türkischen BHI-Mitgliedsorganisation TARIM-ORMAN IS

15 October 2019 13:19











Die 24-jährige Secil Coban ist beim türkischen Land- und Forstwirtschaftsministerium beschäftigt und Mitglied der türkischen Forstarbeitergewerkschaft TARIM ORMAN-IS. An ihrem Arbeitsplatz wurde sie Opfer sexueller Belästigung. Secil Coban berichtet über diese Erfahrung und wie sie diese schwierige Situation mit Unterstützung ihrer Gewerkschaft lösen konnte.

Kannst du uns von deinen Erfahrungen berichten?

Ich bin seit vier Jahren im türkischen Ministerium für Land- und Forstwirtschaft beschäftigt. An meinem Arbeitsplatz war ich verbaler Belästigung ausgesetzt. So wiesen mich mein Chef und meine Kollegen immer wieder darauf hin, wie ich mich kleiden solle, wie ich mich verhalten müsse und welche politische Partei ich als Staatsbedienstete zu unterstützen habe. Mein Abteilungsleiter forderte mich mehrfach dazu auf, dass ich als gute Muslimin den Koran zu lesen habe.

Mein Aufgabenfeld machte es erforderlich, dass ich mich häufig im Büro meines Abteilungsleiters aufhalten musste, um ihn bei seiner Arbeit zu unterstützen. Bei diesen Gelegenheiten versuchte er, mir näher zu kommen. Anstatt mir Hilfe anzubieten, stellten sich meine Kollegen und insbesondere meine Kolleginnen auf die Seite meines direkten Vorgesetzten. Sie waren der Auffassung, dass ich das Verhalten meines Abteilungsleiters durch meinen „Stil“ provoziert hätte.

Daraufhin richtete ich eine formelle Beschwerde an den stellvertretenden Generaldirektor des Ministeriums, da dies das offizielle Verfahren für solche Fälle ist. Obwohl dieser bestätigte, dass mein Abteilungsleiter mich verbal belästigt hatte, beschloss er, nicht einzugreifen, um kein negatives Klima im Ministerium zu schaffen.

Ich wandte mich mit meiner Beschwerde daraufhin an meine Gewerkschaft TARIM ORMAN-IS. Dem Vorsitzenden der Gewerkschaft gelang es, einen Gesprächstermin mit dem Minister durchzusetzen, sodass ich direkt mit dem Minister sprechen konnte. Im Anschluss an das Gespräch wurde mein Abteilungsleiter von seinen Aufgaben suspendiert. Das Ergebnis des Gesprächs mit dem Minister wirkte sich nachhaltig auf die Beschäftigten des Ministeriums aus, da es das erste Mal war, dass sich eine junge Frau beharrlich und mit Unterstützung ihrer Gewerkschaft für die Verteidigung ihrer Rechte eingesetzt und damit Erfolg hatte.

Dieser Erfolg gilt allen Frauen, die oftmals bereits seit mehreren Jahren Belästigungen ausgesetzt sind.

Wie haben ihre Kollegen reagiert?

Meine Kollegen waren über den Erfolg äußerst überrascht. Darüber hinaus – und das ist viel wichtiger – haben sie erkannt, dass sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz nicht zu tolerieren ist. Zahlreiche Kolleginnen und Kollegen kamen auf mich zu und baten mich um Ratschläge, wie gegen verschiedene Arten von Belästigung und sexueller Gewalt vorzugehen sei.

Wie können Gewerkschaften Arbeitnehmerinnen unterstützen, die Opfer sexueller Belästigung und Gewalt geworden sind?

Die Gewerkschaften spielen eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von sexueller Belästigung und Gewalt. In Fällen, in denen Frauen Belästigungen ausgesetzt werden, können die Gewerkschaften direkt mit den Arbeitgebern und Vorgesetzten verhandeln. Hätte meine Gewerkschaft mich nicht unterstützt, wäre es wohl nie zu dem Gesprächstermin mit dem Minister gekommen, bei dem ich meine Probleme am Arbeitsplatz ansprechen konnte. Die Frauen müssen sich unbedingt darüber im Klaren sein, dass die Gewerkschaften dazu da sind, ihre Rechte gegen alle Widrigkeiten zu verteidigen.

Ich halte es darüber hinaus für wichtig, dass die Gewerkschaften in den Tarifverträgen spezifische Klauseln im Hinblick auf Diskriminierung, Belästigung und Gewalt gegen Frauen aushandeln. Zudem sind spezifische Verfahrensweisen und Mechanismen für die Einreichung und Beilegung von Beschwerden einzurichten, damit den Schikanierungen am Arbeitsplatz ein Ende gesetzt werden kann.

Auch ich selbst bin der Gewerkschaft erst vor kurzem beigetreten. Vor dem Hintergrund meiner persönlichen Erfahrungen, rate ich dazu, den Frauen bewusst zu machen, dass sie nicht zögern und keine Angst haben sollten, gegen die männliche Dominanz und Gewalt gegenüber Frauen zu kämpfen. Den Frauen muss klar sein, dass dieser Kampf sicherlich leichter zu führen ist, wenn sie sich einer Gewerkschaft anschließen und somit den Rückhalt der Gewerkschaftsbewegung haben.