13 August 2026
KIRGISISTAN: UNSICHTBAR ODER UNVERZICHTBAR? DIE GESCHICHTE DER REINIGUNGSFRAUEN IM ZEMENTWERK KANT
*Diese Geschichte wurde im Rahmen der Initiative „Regional Organizing Academy“ zusammengestellt, deren Ziel es ist, 100 Geschichten über erfolgreiches Handeln von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu dokumentieren und damit zu zeigen, wie kollektives Handeln durch Gewerkschaften echte Veränderungen am Arbeitsplatz und im Leben der Beschäftigten bewirken kann.
Wenn wir an Arbeitnehmer in einem Zementwerk denken, stellen wir uns meist Maschinenführer, Ingenieure, Mechaniker oder Lkw-Fahrer vor. Nur wenige denken an die Menschen, ohne die das Werk keinen einzigen Tag funktionieren könnte: die Beschäftigten, die für die Reinigung der Produktionsanlagen zuständig sind.
Im Zementwerk Kant in Kirgisistan liegt diese Verantwortung größtenteils bei Frauen. Jeden Morgen gehören sie zu den Ersten, die eintreffen. Jeden Abend gehören sie zu den Letzten, die gehen. Ihre Aufgabe ist es, die Produktionsbereiche zu reinigen, in denen sich täglich Zementstaub ansammelt – eine körperlich anstrengende Arbeit, die nur wenige Menschen bemerken und noch weniger wirklich wertschätzen.
Wie so viele unverzichtbare Tätigkeiten ist auch ihre Arbeit fast unsichtbar. Bis sie eines Tages doch sichtbar wurde.
Monatelang baten die Reinigungskräfte die Geschäftsleitung wiederholt darum, ihnen die für eine ordnungsgemäße Nassreinigung erforderlichen Vlies-Reinigungstücher zur Verfügung zu stellen. Ohne diese konnte der Zementstaub nicht sicher vom Arbeitsplatz entfernt werden. Es änderte sich nichts.
Anstatt die Situation hinzunehmen und sich individuell damit abzufinden, handelten die Frauen jedoch gemeinsam: über ihre Gewerkschaft. Sie kamen weiterhin zur Arbeit, weigerten sich jedoch kollektiv, die Nassreinigung durchzuführen, bis der Arbeitgeber die erforderliche Ausrüstung zur Verfügung stellte. Ohne geeignete Reinigungsmittel wurde der Staub nicht mehr entfernt; er füllte beim Trockenkehren einfach die Luft.
Die Auswirkungen waren sofort spürbar.
Schon am Ende des ersten Tages bemerkten die Beschäftigten im gesamten Werk, wie viel schwerer das Atmen geworden war. Am zweiten Tag war klar, dass die Produktion unter solchen Bedingungen nicht sicher fortgesetzt werden konnte. Am dritten Tag stellte die Geschäftsleitung den Reinigungskräften die Ausrüstung zur Verfügung, die sie die ganze Zeit gefordert hatten.
Die Botschaft hätte nicht deutlicher sein können. Die Arbeit der Reinigungskräfte war nicht zweitrangig. Sie war für die Gesundheit jedes einzelnen Arbeitnehmers und für den sicheren Betrieb des gesamten Werks unverzichtbar.
Doch damit war die Geschichte noch nicht zu Ende. Als es an der Zeit war, über die Löhne zu verhandeln, kämpfte die Gewerkschaft für höhere Löhne für alle Arbeitnehmergruppen. Die Verhandlungen führten zu einer durchschnittlichen Lohnerhöhung von 22 Prozent im gesamten Unternehmen. Die Reinigungskräfte erhielten 50 Prozent.
Ihr kollektives Vorgehen hatte nicht nur ihre Arbeitsbedingungen verbessert, sondern auch die Wertschätzung ihrer Arbeit grundlegend verändert.
Die Geschichte der Reinigungskräfte im Zementwerk Kant erinnert uns daran, dass manche Arbeitnehmer nur deshalb unsichtbar bleiben, weil sie ihre Arbeit so gut machen, dass alle anderen sie als selbstverständlich ansehen. Doch wenn Arbeitnehmer durch ihre Gewerkschaft zusammenstehen, lässt sich unsichtbare Arbeit nicht mehr ignorieren.
Denn sie sind nicht unsichtbar. Sie sind unverzichtbar.